Eine groteske Verwandlung
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Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
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…  Denn in der Tat mutet mein Umgang mit diesen wilden Kreaturen leichtsinnig an. Aber ich habe meine Gründe. 

Im gleichen Maße, wie sich meine Sinne verändert und dabei geschärft haben, wurde mir eine weitere Gabe zuteil. Seit langem schon bin ich in der Lage, sofort zu erkennen, ob ein wildes Lebewesen mir feindlich gesinnt ist oder nicht, wie etwa der fechtende Bär in Heinrich von Kleists Erzählung, der niemals auf eine Finte hereingefallen ist. Dabei mußte ich wiederholt feststellen, daß es, anders als bei Menschen, bei Tieren keine Falschheit, kein Verstellen gibt. Noch niemals bin ich im Verlaufe einer Behandlung von einem meiner Patienten ernsthaft angegriffen oder gar verletzt worden. Noch niemals. Wenn diese Hyäne zu mir kommt, weil sie Schmerzen hat, brauche ich mir über ihre Angriffslust nicht die geringsten Gedanken zu machen.

Und sie hat allen Grund mich aufzusuchen! Die Drahtschlinge um ihren Hals hat sich so tief eingegraben, daß dem Tier bereits das Atmen erschwert wird. Sie ist ein Hetzjäger, sie läuft der Beute oft meilenweit hinterher, bevor sie alleine oder mit Hilfe des Rudels zupackt. Ohne ausreichend Atemluft ist das nicht möglich. Die Verletzung ist frisch und blutet noch, glücklicherweise ist das Tier schon heute gekommen.

Meine Hand streichelt ihre ausgeprägte Kaumuskulatur, fühlt die stählernen Muskeln, die ihre Zähne scheinbar mühelos auch solche Knochen zermalmen lassen, die alle anderen Beutegreifer vor unlösbare Probleme stellen. Wieder haucht sie mich kameradschaftlich an, leidet entsetzlich, leidet sicher viel mehr als ich, der ich nur ihren Atem ertragen muß, gibt aber keinen Laut von sich. Sie wartet lediglich darauf, daß ich ihr helfe.

   Tief muß meine Metallschere ins lebendige Gewebe eindringen, denn dieser tückische Eisendraht ist vollkommen darin verschwunden. Ich kann den Hals nicht betäuben, sonst erstickt meine Patientin, daher muß ich sie noch etwas quälen. Meine linke Hand streicht über ihre Lefzen, dabei schnappt sie spielerisch zu, zeigt mir ein paar blütenweiße Reißzähne, die mich Respekt lehren. Mit der rechten suche ich nach dem Draht und es dauert. Als ich ihn schließlich aufgespürt habe und die Hyäne schon deutlich zu würgen begonnen hat, erlöse ich sie sofort. Mit einem Schnitt trenne ich den Stahl durch und ziehe ihn vorsichtig aus der tiefen Halswunde heraus. Jetzt fiept die Dame leise, dreht ihren Kopf und stupst mich ungeduldig mit der Nase an, als wäre ich ein Artgenosse. …


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