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…  Vorerst lief für sie der Alltag noch wie immer ab. Sie hielt die morgendliche Reinigungszeremonie ab, da zu dieser Zeit ihr Bruder entweder noch feierte, oder betrunken zu Bett lag. Sie fällte im Haus des Rechts ihre Urteile über größere und kleinere Vergehen und behielt auch die Außenpolitik noch in der Hand. Ihre nächsten Vertrauten und viele der Generäle und hochdekorierten Krieger, die mit ihr schon auf dem Truppenübungsplatz ihre Kämpfe absolviert hatten, hielten ihr die Treue. Dann kam ihr noch ein gütiges Schicksal zupaß, die Hethiter machten einen kleineren Einfall an der Grenze zu Mitanni. Wahrscheinlich glaubten sie, dass Kemet zu beschäftigt sei mit innerpolitischen Neuordnungen, als dass man sich groß mit ihrem Scharmützel befassen würde. Für Hatschepsut jedoch war dies ein Geschenk ihres Göttervaters Amun: konnte sie doch ihr unabänderliches Schicksal wieder eine Weile hinauszögern, indem sie den Bruder mit einem Teil der Armee hinausschickte, um den Angreifer zurückzuschlagen. Thutmosis II konnte nicht ablehnen, ohne seine Anhänger zu enttäuschen und er wusste natürlich auch, dass es ihm nur nutzen konnte, wenn er ruhmbedeckt aus dem Kampf zurückkehren würde. Allerdings musste er zuvor noch etwas Dringendes erledigen.
                *
Es war dunkel, nur die Scheibe Chons und die Sterne erhellten die Nacht. Eine geduckte Gestalt schlich leise durch den von Fackeln erleuchteten Garten. Bald hatte er das östliche Ende erreicht. Hier ließ die Beleuchtung nach und der Garten wurde verwildert und einsam. Thutmosis zog eine der letzten einsamen Fackeln aus dem Boden und betrat mit ihr den verlassenen Gartenabschnitt. Schnell erreichte er den unbenutzten Turm. Er kannte den Park wie seinen Schurz; schließlich hatte er ihn von Kindheit an durchstreift. Thutmosis schlüpfte durch den niederen Durchlass, stieg die Stufen hinab und blieb abrupt stehen. Die dicke Bohlentür stand weit offen. Hastig trat er einen Schritt vor und hielt die Fackel in das enge finstere Gelass. Er atmete hastig und erregt. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf – das Gefängnis, welches den Schlüssel zu seinem eventuellen Untergang beherbergt hatte, war leer! – .

Eine Zeit der Ruhe


Am nächsten Tag reiste Thutmosis mit ein paar der königlichen Truppen ab. Stolz stand er auf seinem Kampfgefährt und winkte, in prachtvollem Kriegsgewand, dem wartenden Volk zu. Nur wer ganz genau hinschaute, sah einen sorgenvollen Ausdruck in seinen Augen und bemerkte, dass sein ewiges Lächeln verkrampft war. …
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