… Das schmale Fenster war mit einem fließenden Stoff verhängt, der Boden mit bunten Teppichen belegt und die Kommode besaß einen kleinen Kupferspiegel. Sein Blick wanderte zurück zu Tuja. Selbst in dem unauffälligen beigen Leinengewand, dass ihr die Wirtstochter besorgt hatte, sah sie umwerfend aus. Ihr altes war nach ihrem gefährlichen Abenteuer nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Die wilde Haarmähne trug sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zurückgebunden, was ihre bernsteinfarbenen Katzenaugen, die hohen Wangenknochen und den vollen Mund noch betonte. Sunu konnte wieder einmal nicht die Augen von ihr lassen. „Nun,“ ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, „Befehlshaber Sunu, mein Retter, was bringst du mir für Neuigkeiten?“ Fragend sah sie ihn an. „Dame Tuja, ich habe Nachrichten direkt von meiner Herrin Hatschepsut für dich.“ Erstaunt hob sie die Augenbrauen. „Fahr fort, Befehlshaber.“ Der warme Glanz in ihren Augen strafte ihre Förmlichkeit Lügen. „Die Königin will dich zum Hof zurückberufen und dich, zu deiner eigenen Sicherheit, zu ihrer Hofdame machen. Du wirst dann, ebenso wie sie, meinem Schutz unterstellt sein.“ Gespannt beobachtete er das Mienenspiel der schönen Frau. Ihr Gesicht verriet zuerst Überraschung, dann Angst und schließlich Freude. Sie erhob sich, ging zum Fenster, nahm den leichten Vorhang zur Seite und sah hinaus über die blühende Stadt. Dann wandte sie ihr strahlendes Lächeln Sunu zu und sprach: „Es wird mich mit Freude erfüllen, wieder im Palast zu wohnen – in deiner Nähe, Sunu.“ Ein warmer Strahl durchzuckte Sunus Herz. Sie hatte ihn mit seinem Namen, ohne den förmlichen Titel, angesprochen. „Ich werde mich unter deinem Schutz und dem der göttlichen Gemahlin sicher fühlen.“ Sie trat auf ihn zu und berührte sanft seinen Arm: „Wann soll ich zum Palast zurückkehren?“ Sunu genoß einen Augenblick die Wärme ihrer Hand auf seinem Arm, dann trat er einen Schritt zurück. Er durfte die Vernunft nicht von seinen Gefühlen trüben lassen – noch nicht. „In fünf Tagen ist es soweit, Dame Tuja. Ich werde dich mit einer Eskorte meiner Wahl abholen kommen.“ Er nickte ihr noch einmal zu und duckte sich wieder durch die niedere Tür. Dann war er verschwunden. Die Dame Tuja wandte sich wieder dem kleinen Fenster zu, nahm den zarten Stoff beiseite und sah blicklos auf den blauen Mittagshimmel hinaus. Warum nur war der Befehlshaber so distanziert? Sein Verdacht ihr gegenüber war doch inzwischen nachweislich entkräftet. …
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