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…  Ihr Magen hatte schon lang aufgehört zu knurren, nur ein dumpfer Schmerz erinnerte sie an den nagenden Hunger. Sie hatte in ihrer Verzweiflung die Wände ein ums andere Mal abgetastet, sich dabei die Nägel abgerissen und die Finger blutig gekratzt. Sie hatte wohl die Bohlen einer Tür gegen die Mauersteine unterschieden, doch alles Rütteln und dagegen Anrennen hatte die massive Pforte nicht bewegt. Wenigstens musste sie nicht verdursten; die feuchten Mauern bildeten immer wieder Tropfen und kleine Rinnsale, die sie angewidert aber ums Überleben kämpfend ableckte. Ihr Kopf schmerzte aber die Wunde, die ihr Bruder ihr zugefügt hatte, begann zu verheilen. Die erste Zeit in ihrem Gefängnis hatte sie in einem Dämmerzustand zwischen Ohnmacht und kurzen Wachphasen verbracht, doch langsam klärte sich trotz Hunger und Durst ihr Verstand. Vielleicht auch, da sie mit steigender Klarheit die Nähe des Todes erkannte? In unregelmäßigen Abständen suchte sie die Tür und begann mit wunden Händen dagegen zu hämmern und um Hilfe zu rufen, doch langsam wurden ihre Arme schwach und ihre Stimme heiser. Verzweifelt ließ sich die Dame Tuja an den hölzernen Bohlen zu Boden gleiten und bedeckte ihr Gesicht mit den zerschundenen Händen.

Die Wende und eine Befreiung


Die Nacht vor der Wende war angebrochen. Morgen in aller Frühe würden die Zeremonien beginnen. Zum ersten Male würde Thutmosis II seine Schwester bei dem heiligen Reinigungsritual im Tempel Amuns im Allerheiligste ablösen dürfen, da er am selben Tag noch Pharao werden würde. Sunu hatte seine Gemächer aufgesucht und sich einen Krug Wein bringen lassen. Zehn Tage schon waren vergangen, seit die Dame Tuja verschwunden war. Die kurz aufgeflackerte Hoffnung sie doch noch zu finden war nahezu verblasst. Der Befehlshaber war allein, seine Pflichten für diesen Tag erledigt. Schließlich war nun, da seine Herrin sich mit einem Feind vermählte und den anderen des Landes verbannt hatte, für ihn auch nicht mehr so viel zu tun. Eben schenkte er sich den dritten Becher Wein voll – die ersten beiden hatte er, ganz gegen seine Gewohnheit, in einen Zug geleert – da klopfte es nachdrücklich an seine Tür. Sunu knurrte eine Zustimmung, seine Laune war unbeschreiblich. Vorsichtig streckte Hui seinen schwarzen Kopf durch die halbgeöffnete Tür und flüsterte: „Leutnant, leg deine weibischen Launen ab und komm.“ Abrupt setzte der Befehlshaber seinen Becher ab und erhob sich. Am Blick des Leibwächters hatte er sofort erkannt, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste. …
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