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    Sie hatte doch Freitag gesagt, oder? Und heute war Freitag. Hermann saß am vereinbarten Treffpunkt auf der einsamen Bank im Wald. Das Gesicht in freudiger Erwartung glattrasiert wie schon lange nicht mehr. Heute wollte Nadja ihn mitnehmen, zu sich nach Hause. Zwei vollständige Naßrasuren hatte er über sich ergehen lassen, bis er zufrieden war, bis seine Finger keine lästigen Bartstoppeln mehr finden konnten. Zweimal hatte Vera nachgefragt, wie lange es noch dauern würde im Bad, und sich beinahe lustig gemacht über ihn. Er aber ließ sich nicht beirren, verzichtete auch nicht auf das wohlriechende Rasierwasser, das er nicht jeden Tag verwendete. Als er das Bad endlich verließ, duftete er wie ein Blümchen, und Vera konnte sich die Frage nicht verkneifen, wie die Glückliche denn hieße, derentwegen er sich so feingemacht hatte. Hermann versuchte nur ein belangloses Lächeln.   
   Heute schien die Sonne nicht so kräftig, einige schattenspendende Wolken zogen vorüber, dem lichten Wald hie und da ein düsteres Aussehen verleihend. Wiederholt schaute Hermann auf die Uhr, Nadja verspätete sich bereits um eine dreiviertel Stunde, er wurde unruhig. Brutus hatte irgendwo ein Stöckchen entdeckt, sich vor ihm aufgebaut und wartete darauf, daß Hermann mit dem Spiel begann. Aber der hatte heute keine Lust zu spielen. Immer wieder schickte er seine Augen suchend in Richtung des Parkplatzes, hoffte das ächzende Geräusch ihres weißen Golfs zu vernehmen, bei dem nicht nur der Motor einer Inspektion entgegenzufiebern schien. Aber nichts.
Ganz in Gedanken griff Hermann nach dem Stöckchen in Brutus’ Maul, schleuderte es lustlos hinter sich in einen Haselnußstrauch und blickt erneut auf die Uhr. Fast eine Stunde. Während dieser Zeit waren kaum Leute vorüber gelaufen. Eine ältere Dame mit einer fetten krummbeinigen Bulldoge, und zwei Teenager, die nicht einmal den Versuch unternahmen, ihre Zigaretten in den hohlen Händen zu verstecken. Hermann beachtete sie nicht; sie kamen aus der falschen Richtung.
Nun saß er da wie ein Oberprimaner vor dem ersten Rendezvous, fein herausgeputzt für nichts. Der Duft seines Aftershaves war längst verflogen, Hermann schämte sich ein wenig. Er würde jetzt gleich aufstehen und wieder nach Hause gehen. Zum einen enttäuscht, weil sie nicht erschienen war, andererseits doch etwas stolz, seine Vera nicht betrogen zu haben. Noch nicht.
Ob Nadja in Schwierigkeiten steckte? Vielleicht sollte er sie in ihrem Reisebüro besuchen. …
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