Kapitel XII
Hätte es von behördlicher Seite offiziell Unterstützung gegeben, dieses Unternehmen wäre denkbar einfach gewesen: Der Briefkasten würde rund um die Uhr beobachtet, und jeder, der sich in eindeutiger Absicht näherte, inspiziert und festgenommen. Danach ausgiebig verhört und gegebenenfalls in Gewahrsam genommen.
Leider lief es diesmal nicht so. Denn die Behörde wurde nicht informiert; aus wohlbekannten Gründen. Durch den mysteriösen Zwischenfall mit der heuchlerischen Staatsanwältin verbot sich jegliche Bitte um Mitarbeit von selbst. Auch Schmidt, Bernds Ex-Kollege aus Frankfurt - der ein Leben lang unter seinem Nachnamen zu leiden hatte, aber er hieß nun einmal Lothar Schmidt - informierte niemanden von der bevorstehenden Aktion.
Nur unter großer Mühe und mit Hilfe einer Reihe falscher Auskünfte, die er gewissen Fragestellern geben mußte, war es ihm gelungen, Grabow ausfindig zu machen. Allerdings lediglich seine Geschäftsadresse im Frankfurter Finanzzentrum. Die private Anschrift war nicht zu bekommen. Dieser Mann war abgeschottet wie ein Filmstar.
Lothar Schmidt war sofort bereit gewesen, Bernd unter die Arme zu greifen und ihm mit Rat und vor allem mit Tat zur Seite zu stehen. Er hatte sich eigens Urlaub genommen, um persönlich die Briefkastenfirma in Frankfurt zu beobachten. Zwei volle Tage saß er in seinem Wagen, aß dort, döste zuweilen, die Augen aber meist auf das Zielobjekt gerichtet - eine Tür mit überdimensioniertem Briefschlitz. Nur über sein Telefon hielt er Kontakt zur Außenwelt. Schließlich wurde er belohnt.
Jener Briefkasten lag im alten Industriegebiet am Main, dessen löchrige, kaputte Straßen aus Kopfsteinpflaster bestanden, und dessen schmutzig braune Backsteingebäude kaum noch unversehrte Scheiben aufwiesen. Die Straßenbahnschienen hatten sich im Laufe der Jahre tief in den Untergrund gegraben, steinernen Ackerfurchen nicht unähnlich. Fast mochte man glauben, die Bahn, wäre sie noch in Betrieb, berührte während der Fahrt mit ihrem Unterbau den Boden. Im Geiste sah man glühende Funken stieben.
Von ferne näherte sich geräuschvoll ein Motorroller, zog eine stinkende bläuliche Rauchfahne hinter sich her und veranlaßte den stattlichen Taubenschwarm, der sich auf der Suche nach Futter inmitten der Fahrbahn niedergelassen hatte, routinemäßig die Flucht zu ergreifen. Der Fahrer, der keinen Helm trug, nahm Gas weg, kuppelte aus und rollte die wenigen Meter bis hin zur Tür. …
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