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Die deutsche Börse hatte einen Jahrhunderttiefststand erreicht, der seinesgleichen suchte. Die Wirtschaft stand so schlecht nicht, wie es die Kurse zu vermitteln schienen, und deren Abwärtstrend stand in keinem Zusammenhang mit dem tatsächlichen Wachstum. Aber die Anleger reagierten überaus sensibel auf jede noch so kleine Veränderung; auf vollmundige Versprechungen gaben sie längst nichts mehr. Selbst die zeitweilig irreführende Formel, „Je höher die Arbeitslosigkeit, desto höher die Kurse“, traf nicht mehr zu. Sie hatte sich gar ins Gegenteil verkehrt. Viele Börsianer hatten fast ihr gesamtes Vermögen eingebüßt, darunter befanden sich auch große Unternehmen der Automobilindustrie und der Pharmabranche. Diese jedoch litten nicht so sehr an einer eigenen wirtschaftlichen Stagnation, sondern am ungebremsten Kursrutsch des jeweils anderen. Auch der Staat als Zwischenträger riesiger Summen war davon empfindlich betroffen.
Am schlimmsten jedoch erwischte es die großen Versicherungsanstalten des Landes, von denen einige aufgrund haarsträubender Spekulationen mit Geldern, die sie zu verwalten hatten, bald zur Zahlungsunfähigkeit verdammt waren. Wenn die Kurse sich nicht schnellstens erholten, mußten sie eventuell ihre Pforten schließen. Vielen Großbanken erging es ähnlich.
   Grabow griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die er auswendig kannte. Er lauschte einen Moment lang in die Muschel, meldete sich mit Namen und gab mit monotoner Stimme nur eine kurze Direktive: 
„Teil zwei der Post wird abgeschickt! So schnell wie möglich.“
Danach legte er den Hörer auf. In seinem glattrasierten Gesicht war nicht die geringste Gefühlsregung zu erkennen. Innerlich war Grabow bereits gestorben.

***

   Ein wenig zu schnell raste der dunkelblaue Audi über die nächtliche Autobahn, in kurzen Intervallen fegten die Scheibenwischer die schmierige Gischt beiseite, die sich bei jedem Überholvorgang erneut auf die Windschutzscheibe legte. Nur kurze Zeit war den drei Insassen eine klare Sicht vergönnt, bevor der Nieselregen die kleinen roten Rücklichter der Vorausfahrenden sich wieder ausdehnen und vor ihren Augen zu unförmigen Klecksen verschwimmen ließ. Unaufhaltsam rückten die Zeiger der Uhr gegen Mitternacht, für die LKW-Fahrer brach die lange Zeit an, während der sie mehr als einmal mit dem tückischen Sekundenschlaf kämpfen mußten. Manche zeigten bereits jetzt Konzentrationsprobleme, was dazu führte, daß die mächtigen Zwillingsreifen der Lastzüge zuweilen deutlich den Mittelstreifen überfuhren. …
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