Vielleicht hatte Nadja einen Verkehrsunfall gehabt und lag in einer Klinik? Sie hatte keine Angehörigen hier, niemand wußte wo sie war. Der tragische Unglücksfall von Ilona und Rüdiger kehrte in sein Gedächtnis zurück. Diesmal jedoch sah er einen Golf auf dem Dach liegen, sah die hilflos eingeklemmte Nadja, sah sich selbst daneben stehen, in gleichem Maße hilflos. Wenn Hermann eines haßte, dann war es eben jene Hilflosigkeit, die ihm seine ganze Kraft raubte, sein Selbstwertgefühl minimierte, die ihn winzig klein werden ließ.
Als sich die gläsernen Türen leise hinter ihm schlossen, ihn sachte ins Freie schoben, da erkannte er endgültig die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens. Auch hier kannten sie keine Nadja mit langen dunklen Haaren, die mit einem slawischen Akzent sprach. Und eine göttliche Figur besaß, dachte Hermann resigniert. Es war das vierte Reisebüro in der Fußgängerzone, dem er einen Besuch abgestattet hatte, viermal schüttelten die Mitarbeiter verständnislos ihre Köpfe, viermal verließ er die Räumlichkeiten ohne Ergebnis, Brutus neben sich. Hermann lief einfach los.
Nach wenigen Metern blieb er stehen, kam sich lächerlich vor, fühlte sich betrogen, hinters Licht oder besser: An der Nase herum geführt. Er versuchte ein Lächeln, das beinahe gelungen wäre. Es vergingen mehrere Minuten, bis er die fragenden Blicke seines vierbeinigen Begleiters bemerkte und dessen ungeduldiges Ziehen an der Leine. Seit geraumer Zeit stand er nun schon an einer Fußgängerampel, die in regelmäßigen Abständen ihre Farben von Grün auf Rot wechselte und wieder auf grün, ohne daß er Anstalten machte, einen Fuß auf die Straße zu setzen.
Wie aus einem Traum erwachte er beim Klang eines Hupsignals, das gar nicht ihm galt. Verwirrt blickte er um sich, schien sich erst allmählich zu erinnern, wo sein Volvo stand, wollte schließlich loslaufen und wurde von Brutus mit Gewalt daran gehindert. Die Ampel stand wieder auf rot. Erschrocken machte Hermann einen Schritt zurück auf den Bürgersteig, atmete tief ein und streichelte Brutus dankbar das graue Fell.
Mit viel Mühe und noch mehr Geduld war es ihm vor einiger Zeit gelungen, dem Hund beizubringen, nur bei Grün über die Straße zu laufen. …
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