Sie machte eine kurze Atempause.
„Lassen Sie mich dazu ein wenig ausholen“, fuhr sie fort. „Im letzten Jahrhundert fanden sich in Großfamilien immer genügend Hände, Sieche oder Bettlägerige zu betreuen, wenn diese außerstande waren sich selbst zu helfen. Aber jene Hilfsleistungen waren in ihrer zeitlichen Begrenzung absehbar, und die Menschen wußten das. D.h. man konnte damals in etwa abschätzen, wie lange eine solche Pflege dauern würde. Dazu gab es genügend Erfahrungswerte von Freunden, Bekannten oder Verwandten. Will sagen, wie bei einem Grippekranken wußten die Menschen um die Dauer einer solchen Betreuung - einige Monate mehr oder weniger. Und die Menschen nahmen sich die Zeit. Ob sie sie hatten, vermag ich nicht zu beurteilen, aber sie nahmen sie sich. Ich weiß auch nicht, ob sie es gern taten, wer pflegt schon gerne einen anderen? Aber dies soll nicht Gegenstand unseres heutigen Anliegens sein.
Hier und heute ist die Rede von solchen Fällen, bei denen eine Pflegedauer nicht absehbar ist! In Aachen liegt seit seiner Geburt, seit nunmehr 22 Jahren, ein junger Mann im Koma, der bei der Entbindung wegen Sauerstoffmangels schwerste Schädigungen des Hirns erlitten hat. Es besteht überhaupt keine Chance, daß er jemals erwachen wird, geschweige denn, daß er sich selbst versorgen könnte. In Bamberg wird seit Jahrzehnten ein hirntotes Unfallopfer gepflegt, welches keine Aussichten hat, irgendwann wieder selbständig zu existieren. In München hält man ein Kind am Leben, das ohne Gehirn zur Welt kam, und das, sollte es sich, gelenkt von seiner Wirbelsäule, erheben, gar nicht fähig wäre, Empfindungen, welcher Art auch immer, wahrzunehmen!
Man könnte diese Liste stundenlang fortführen und würde zu keinem Ende gelangen. In deutschen Kliniken, und mehr noch in privaten Anstalten, liegen Zehntausende derartiger Pflegefälle, die aufgrund der modernen Gerätemedizin noch nicht gestorben sind; und nur deswegen!“
Das Gemurmel im Saale zwang Frau Dr. Scheugenpflug zu einer kleinen Unterbrechung, sie ordnete ihr Manuskript neu und wartete, bis sich die Gemüter ein wenig beruhigten.
„Es ist eine wirtschaftliche, und auf Dauer eine physikalische Unmöglichkeit, meine Damen und Herren“, hob sie ein wenig ihre Stimme, „daß fünf Menschen in einer Sänfte sitzen, um sich von zehn Personen tragen zu lassen. …
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