Mit einemmal kam Bewegung in die 25 Meter entfernte Wand. Wie von Geisterhand berührt zeigte sich eine schmale längliche Scheibe mit den Ausmaßen einer menschlichen Person, auf deren Brust man eine Zielscheibe erkennen konnte. Bernd hob den Arm, visierte kurz an und drückte ab.
Genau genommen drückte er nicht wirklich ab. Vielmehr löste sich der Schuß genau zu dem Zeitpunkt, als das Ziel exakt vor Kimme und Korn auftauchte. Und schon drehte sich die Scheibe wieder weg, Bernd senkte den Arm.
Er hatte die Geschwindigkeit der Anlage auf langsam eingestellt. Es kam ihm auf die Treffgenauigkeit an und nicht auf die Schnelligkeit. Vor Jahren noch, als er aktiven Dienst bei der Wiesbadener Kriminalpolizei tat, gehörte es zu den beliebten Spielen der Kollegen, die Geschwindigkeit stets zu steigern, solange, bis dem Schützen kaum mehr Gelegenheit blieb zu zielen. Dies sollte die harte Realität simulieren, die den Beamten zuweilen nicht einmal die Zeit ließ, ihr Gegenüber richtig auszumachen. In diesen Momenten zeigte es sich, wer aus einem inneren Gefühl heraus schoß, und wer zu lange überlegte. Bernd hatte immer zu jenen gehört, die nur abdrückten, wenn sie sich ihrer Sache sicher waren. Immer!
Im Laufe seiner Wiesbadener Dienstzeit hatte er nur dreimal von seiner Waffe Gebrauch machen müssen, aber in allen drei Fällen blieb ein Verletzter mit durchschossenem Oberschenkel zurück. Getötet hatte Bernd im Dienst keinen Menschen - die Polizeiarbeit jedoch tötete anderes.
Als erstes starb das Gefühl. Wie viele Male war er zu Einsätzen gerufen worden, wo es Tote zu beklagen gab, wie oft stand er vor schrecklich entstellten Opfern, bei denen man auf Anhieb nicht einmal erkennen konnte, um welches Geschlecht es sich handelte. Wer dabei nicht abschalten konnte und sich nur auf das Notwendige, auf das Sachliche konzentrierte, der bekam ganz schnell Probleme und mußte sich in langen Gesprächen mit Polizeipsychologen seine mentale Stabilität erst wieder erarbeiten.
Nach dem soundsovielten Toten betrachtete man das Opfer nur noch als Objekt, mit dem man sich befassen mußte, nichts weiter. Selten nur, vielleicht, wenn es sich um einen sehr jungen Menschen handelte, überkamen die Beamten Gedanken, die außerhalb des Beruflichen lagen. Aber man ließ sie nicht zu dicht an sich herankommen, das war besser so.
Dreimal schoß Bernd sein Magazin leer, kontrollierte die Einschüsse genau und reinigte anschließend seine Sportwaffe, mit der er in der Lage war, auf 25 Meter Entfernung einen Kronkorken zu treffen. …
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