A     A     A
…  Diese kostbare Waffe sah überhaupt nicht aus wie eine gewöhnliche Pistole. Der Griff aus hellem Holz war eigens für seine Hand gearbeitet worden und paßte wie angegossen. Auch der ganze Aufbau erinnerte mehr an ein Werkzeug denn an eine Waffe. Nichtsdestotrotz handelte es sich hierbei um eine Faustfeuerwaffe allerhöchster Präzision, die es sorgfältig zu pflegen galt. 
Im Anschluß wurde die Waffe im metallenen Koffer verstaut, das leere Magazin daneben gelegt. Seit seiner Pensionierung besaß er keinen Waffenschein mehr, der es ihm gestattete, eine Pistole am Körper zu tragen. Und der Gesetzgeber verbot es, eine geladene Waffe zu transportieren. Bernd hielt sich daran; meistens. 

***

   Die Schwierigkeiten bestanden darin, jeglichen Körperkontakt zu vermeiden und obendrein die Atemwege zu schützen. Am besten wäre es natürlich, die Maschinen würden die gesamte Arbeit übernehmen, das aber konnten sie nicht. Zwar waren sie bestens in der Lage, diese gummiartige Masse auf die Laschen der relativ kleinen grünen Couverts aufzutragen, die Schriftstücke jedoch ins enge Innere zu legen, dazu brauchte es Menschenhände. Aus diesem Grunde waren die Antwortformulare von vorneherein in mühseliger Handarbeit von einer Armada arbeitsamer Frauen in die bereits frankierten und mit einer Rückadressierung versehenen grünen Couverts gelegt worden.  
Nachdem der toxische Klebstoff aufgetragen und getrocknet war, wurden die grünen Umschläge zusammen mit dem Begrüßungsschreiben maschinell in die ebenfalls schon adressierten, aber etwas größeren gelben Versandtaschen gesteckt. Niemand kam mehr mit ihnen in Berührung. Immer neue Ladungen stapelten sich auf dem Transportwagen, wurden weggebracht und vor dem Verschicken mit der Post in einem geeigneten Lagerraum der Vita Pharma AG untergebracht. 15 Millionen Versandtaschen waren keine Kleinigkeit, sie benötigten Platz. 
   Zunächst war vorgesehen, erst einmal 100 000 Couverts an ausgesuchte Personen zu versenden und die Resultate auszuwerten. Die Anordnung kam von Rudolf Grabow persönlich und wurde sofort durchgeführt. Im gesamten Staatsgebiet erhielten Ruheständler - sowie zahlreiche Arbeitslose jenseits der Fünfzig - in diesen Tagen Post von Regierungsämtern, von Kranken - und Rentenkassen und ähnlichen Institutionen, die von ihnen wissen wollten, welche Verbesserungen sie in bezug auf das Gesundheitswesen vorzuschlagen hätten, was es zu beanstanden gab usw. Nachdem die Empfänger die Vordrucke mit dem Vermerk ,Eilig’ ausgefüllt hatten, steckten sie sie in die grünen Umschläge, feuchteten mit der Zunge die fatalen Klebestreifen an, verschlossen die Couverts und schickten sie portofrei an die bereits aufgedruckte Adresse zurück. …
Diese Seite hat mir gefallen - weiter lesen
...war OK - weiter lesen
...sollte überarbeitet werden - weiter lesen
  ◄ zurück blättern  
Beurteilen Sie den Text bitte fair.
Ihre echte Einschätzung hilft dem Autor seine Texte zu verbessern.
345 Leser seit 1. Jan. 2026 für diesen Abschnitt

Noch kein Kommentar zu dieser Seite.
Sei der Erste!
Gedankenaustausch: Hinterlasse dem Autor einen Kommentar.

Bitte Sicherheitskode links abtippen.