A     A     A
…  Aber so erging es den meisten jungen Ärzten, die vor lauter Überstunden nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand. 
Ihre Schlafstelle im Klinikum, die sie zwar nicht allzuoft benutzte - vor allem nicht allzulange - war ihr dennoch vertrauter als ihr heimisches Bett; beide blieben in vielen Nächten gänzlich unbenutzt. Poseidon, ihr schwarzer Kater mit den weißen Flecken an allen vier Pfoten, der die Tage alleine zu Hause verbringen mußte, reagierte in letzter Zeit auf sie, als wäre sie eine Fremde. Er ließ sich nicht locken, wenn sie spät abends heimkehrte, verhielt sich beinahe feindselig, zweimal schon hatte er eine unübersehbare Duftspur in einem ihrer Schuhe hinterlassen. Der Schuh stand nun auf dem kleinen Balkon, Vivian war sich nicht sicher, ob sie ihn jemals wieder würde anziehen können.   
Die Müdigkeit während des Dienstes war ein Dauerzustand bei ihr und ihren Kollegen geworden, der obligatorische Kaffee hatte von seiner Wirkungskraft eingebüßt. Was noch ein wenig half, war starker schwarzer Tee. Den trank sie leicht gesüßt, und mit seiner Hilfe gelang es ihr so recht und schlecht, die langen Schichten hinter sich zu bringen. 
   Der achtundfünfzigjährige Patient auf Zimmer 416, der gestern eingeliefert wurde, litt an einem Magenkarzinom, an einem der nächsten Tage sollte er operiert werden, ein Routineeingriff. Dr. Muller hatte tagsüber mit ihm darüber geredet, ihm Mut zugesprochen, der Mann machte einen sehr optimistischen, einen stabilen Eindruck. Sie würde assistieren. Ihr Name stand auf dem Dienstplan für den OP.
Die Ärztin löschte die Signallampe vor dem Krankenzimmer, offenbar hatte es die Schwester, die sie telefonisch benachrichtigte, versäumt. Vivian Muller betrat den durch eine gelbe Bettleuchte in schummriges Licht getauchten Raum. Der Patient lag alleine im Zimmer, und die Stille wurde nur durch seine tiefen, aber unregelmäßigen Atemzüge unterbrochen. Es war dies bereits ihr zweiter Besuch in dieser Nacht. Beim ersten Mal hatte der Mann über starke Rückenschmerzen geklagt, die die Nachtschwester nicht einzuordnen vermochte. Nun schien er zu schlafen.
Dr. Muller näherte sich dem Bett, sprach den Mann an, erhielt jedoch keine Antwort. Sie berührte ihn sachte an der Schulter, aber ihn zu wecken gelang ihr nicht. Seine Stirn glühte, beide Füße ragten unter der Bettdecke hervor, die Schwester hatte richtig vermutet: Der Mann hatte hohes Fieber. Während Vivian im Ohr des Patienten die Temperatur maß, heftete sich ihr Blick auf ein kleines braunes Fläschchen auf dem Nachttisch, sie nahm es in die Hand und las die Aufschrift. …
Diese Seite hat mir gefallen - weiter lesen
...war OK - weiter lesen
...sollte überarbeitet werden - weiter lesen
  ◄ zurück blättern  
Beurteilen Sie den Text bitte fair.
Ihre echte Einschätzung hilft dem Autor seine Texte zu verbessern.
341 Leser seit 1. Jan. 2026 für diesen Abschnitt

Noch kein Kommentar zu dieser Seite.
Sei der Erste!
Gedankenaustausch: Hinterlasse dem Autor einen Kommentar.

Bitte Sicherheitskode links abtippen.