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…  Am unteren rechten Rand erblickte sie ein Kreuz, mehr eine Rune, das ihr unbekannt war. Offenbar handelte es sich um eines jener Medikamente der Vita Pharma, die an Patienten unter sechzig Jahren nicht verabreicht werden sollten - niemand wußte weshalb  - und von denen in der Klinik zuweilen die Rede war. Sie kannte das Medikament, es war ein gängiges Schmerzmittel, wie sie es täglich vielfach selbst verordnete; nur dieses seltsame Kreuz war ihr fremd. Schon in der vergangenen Woche war eine ältere Patientin gestorben, nachdem sie es bekommen hatte. Vivian schnupperte an der kleinen Flasche, konnte aber nichts Verdächtiges finden. 
Die Fiebermessung ergab über 41 Grad, Dr. Muller läutete nach der Schwester. Der Mann benötigte ein Fiebersenkungsmittel, und zwar schleunigst. Die Nachtschwester erschien sogleich, wurde instruiert und entfernte sich, das Medikament zu holen.
Während Vivian Muller wartete, stellte sie fest, daß der Patient nicht schlief. Sein linkes Auge war halb geöffnet und schielte auf eine groteske Weise zur Zimmerdecke hinauf. Die Frau nahm ihre Stablampe, testete den Augenreflex, blickte aber nur auf eine erweiterte Pupille, die keine Reaktion auf den Lichtstrahl zeigte. Der Atem des Mannes geriet ins Stocken, und noch bevor das Medikament gebracht wurde, setzte er völlig aus. Die sofort eingeleitete Reanimation blieb erfolglos. Der Mann war tot, Vivian deckte ihn zu. Da er ohnehin alleine im Zimmer lag, war es nicht nötig, ihn heute nacht noch wegzubringen. Es genügte, wenn dies morgen früh geschah.
„Wer hat dieses Medikament angeordnet?“ fragte Dr. Muller die Schwester im Anschluß und hielt ihr die kleine braune Flasche hin.
Die erschrak sichtlich, beteuerte jedoch, es nicht zu wissen. Vivian steckte das Objekt in ihre Tasche, ging zurück in ihren Bereitschaftsraum, goß sich eine Tasse Tee ein und begann gerade damit, ihren Bericht zu schreiben, als sie erneut gerufen wurde. Sie nippte kurz am Tee und war schon wieder unterwegs. So ging es die ganze Nacht, der Bericht blieb liegen, und als Vivians Nachtdienst am nächsten Morgen zu Ende ging, sie todmüde in ihre Tagesschicht überwechselte, hatte sie den nächtlichen Todesfall beinahe vergessen, wäre da nicht jenes kleine Fläschchen in ihrer Tasche gewesen, sie daran zu erinnern. 
Während der Visite sprach sie ihren Chefarzt Prof. Dr. Ziegler darauf an, der nahm das Produkt der Vita Pharma  wortlos an sich. Am Ende bat er Vivian in sein Büro. …
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