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…  Herzversagen ist den älteren Semestern vorbehalten. Wie unsereinem.“
Sie war in letzter Zeit häufig zu Gast bei den Odendahls, und nicht nur bei ihnen. Der für gewöhnlich so ernsthafte Bernd hatte sie sich zu eigen gemacht, bei unzähligen Familien hatte sie sich als Bestandteil der täglichen Umgangssprache etabliert, nicht selten trug sie zur Erheiterung bei – die Ironie. Immer öfter jedoch mußte die feine Anspielung dem schwerer wiegenden Sarkasmus weichen; wie oftmals im Leben, wenn Menschen als willenlose Spielbälle der Administration mißbraucht wurden.
   Vor zwei Tagen erst standen Vera und Hermann vor den Schaufensterscheiben eines großen Kaufhauses im Zentrum, auf der Suche nach einem passenden Geschenk für Helga und Felix - die ihre Silberhochzeit feierten - und sinnierten gerade, ob sie das dreizehnteilige Bowlenset nehmen sollten oder lieber das Schachbrett aus buntem italienischem Marmor, mit diesen künstlerisch wertvollen Figuren, als sich heulend ein Rettungswagen näherte. Aufgrund der Verkehrsdichte mußte der Fahrer seine Geschwindigkeit deutlich reduzieren. Viele Passanten schauten interessiert hin, während ein rüstiger Rentner dem weißen Fahrzeug empört zurief: „Ihr seid zu früh! Es geht mir noch ausgezeichnet. Kein Herzanfall, nichts dergleichen. Versucht es nächstes Jahr noch einmal!“ 
Die betretene Stille, die der Sirene hinterher waberte, konnte man körperlich fühlen. Manche starrten den älteren Herrn verwundert an, andere wiederum liefen vorüber, als wäre nichts geschehen. Nur einige wenige erkannten den tieferen Sinn seiner Worte und konnten sich ein beifälliges Schmunzeln nicht verkneifen. Herausfordernd blickte der Mann um sich, als wollte er fragen: Habe ich etwa einen wunden Punkt berührt? 
Die Odendahls entschieden sich, nicht ganz uneigennützig, für das Bowlenset, da Helga und Felix leidenschaftlich gern die fruchtige Sangria tranken – die Odendahls im übrigen auch.  
   Manches Mal half diese Ironie besser über jene lästigen Alltagssorgen hinweg, die das Umfeld der Ruheständler prägten, manchmal gipfelte sie aber auch in rabenschwarzem Galgenhumor. Weil die Selbstmordrate der Rentner im Lande beängstigend steil nach oben verlief, blieb es nicht aus, daß im Freundeskreis der Odendahls darüber diskutiert worden war, welche Todesart wohl die angenehmste sei. Das in letzter Zeit so häufig publizierte Herzversagen hatte in der Beliebtheitsskala den obersten Rang belegt, dicht gefolgt vom Selbstmord durch Tabletten. …
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