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…  Richter Ewald Stark saß seit den frühen Morgenstunden in seinem Büro in der Frankfurter Börse. Seit mehreren Tagen arbeitete er an der Entschlüsselung gewisser Transferpraktiken einiger Großbanken und mußte zum wiederholten Male feststellen, daß die Bundesregierung nach und nach von mehreren Banken betrogen worden war. Hatte die erste Großbank mehrmals ihren eigenen Kursverfall forciert, wechselte der Finanzminister zwangsläufig zum nächsten Geldinstitut, wo ihm nach kurzer Zeit Gleiches widerfuhr. Auf diese Weise hatten die Banken versucht, sich die Billionenschulden des Staates endlich zurückzuholen. Was ihnen auch teilweise gelungen war. Legal war das dennoch nicht. Im Gegenteil. Wo waren die offiziellen Kontrollorgane zu jener Zeit gewesen?
Stark schaute auf die Armbanduhr, fuhr sich müde übers Gesicht, griff in seine Aktentasche      und kramte ein Hustenbonbon hervor. Seit dem Vortag spürte er ein Kratzen im Hals, hervorgerufen durch die Klimaanlagen in den Räumen der Börse. Erneut fiel sein Blick auf die Seiko an seinem Handgelenk. Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Minuten, das bedeutete: Schluß für heute. 
Seine Konzentrationsfähigkeit schien deutlich nachzulassen. Seit Tagen befaßte er sich ausschließlich mit Zahlen, mit astronomischen Zahlen, das war wirklich sein Metier nicht. Daher ermüdete ihn die Rechnerei immens. Seine Domäne waren Paragraphen, und Stark konnte sich nicht erinnern, während seiner langjährigen Dienstzeit als Anwalt, später dann als Staatsanwalt und schließlich als Richter, auch nur ein einziges Mal verbissener an einer derart komplexen, weitverzweigten und internationalen Betrugsaffäre gearbeitet zu haben.  
Er schloß die Akte, erhob sich, sofort stand der Wachmann an der Tür auf.
„Feierabend“, sagte Stark leise, wohl wissend, daß für ihn am heutigen Tag noch lange nicht Schluß war. Denn seine Gedanken konnte er nicht abschalten.
Der Richter fuhr mit dem Lift zur Tiefgarage hinunter, öffnete das Verdeck, bestieg sein dunkelblaues Saab-Cabrio und verließ diesen kühlen Steinbau. Das Radio blieb stumm, Stark wollte seine Ruhe haben, mußte nachdenken. Das konnte er ausgezeichnet, indem er sich den Wind um die Nase wehen ließ. Die ungeheuren Geschehnisse um die Staatsfinanzen erlaubten ihm auch nach getaner Arbeit keinen Müßiggang.
Er ließ die Frankfurter Innenstadt hinter sich und steuerte seinen Wagen in Richtung Bad Homburg. Vor den Toren dieser Kurstadt besaß er eine alte Villa im Jugendstil, die er zusammen mit seiner Gattin seit mehr als zwanzig Jahren bewohnte. …
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