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„Ein völlig verstörtes Tier“, konstatierte Hermann, der neben Vera getreten war. 
Beide hatten weiterhin den Wolfshund im Blick, und der stand plötzlich auf. Als hätte ihn jemand gerufen, so gezielt trabte er an, ignorierte den keifenden Schäferhund und stellte sich erhobenen Hauptes an die Tür. Seine braunen Augen strahlten eine Ruhe aus, eine Gemütlichkeit, die beide sofort gefangennahm. 
„Du bist aber ein schöner Kerl.“
Veras Handfläche legte sich an das Gitter, und nachdem er sie ausgiebig beschnuppert hatte, begann der Irische Wolfshund die Hand zu lecken. Auch Hermanns Finger suchten den Kontakt zum Fell des Tieres, und nach wenigen Minuten waren alle drei sehr vertraut miteinander. Da erschien ein Mitarbeiter des Asyls.
„Das ist Brutus, unser Halbstarker.“
Mit diesen Worten öffnete er die Tür des Geheges und holte, trotz des lautstarken Protestes der anderen Bewohner, den halbwüchsigen Rüden heraus. Außerhalb des Zwingers zeigte dieser etwas mehr Zurückhaltung, legte sich hin, wartete, was Vera und Hermann tun würden. Es entstand der Eindruck, als hätte der junge Kerl eben diese Zeremonie schon einige Male über sich ergehen lassen, als kenne er den Ausgang genau. Sobald sich die beiden Besucher jedoch niederknieten und versuchten, ihre Gesichter nahe an seinen Kopf zu bringen, schmolz das anfängliche Eis, und das Tier kroch auf seinem Bauch ganz zu den Knienden hin. Eine Unterwerfungsgeste, die zeigte, daß er beide als ranghöher akzeptierte.
„Na, Brutus, hast du heute Glück?“ fragte der Pfleger hoffnungsvoll.
Dieser Satz gab den Ausschlag. Vera sah ihren Mann an, der kniff die Augen zusammen und sie wußten: Der ist es! 
„Er wird es gut bei uns haben“, begann Vera bereits die Vorbereitungen für die Übernahme.
„Er wird noch ein gutes Stück wachsen“, warnte der Pfleger mit Nachdruck. „Brutus ist ein Irischer Wolfshund; die werden fast so groß wie Esel.“
„Wieso ist er hier?“ fragte Vera den Pfleger.
„Sein Herrchen ist gestorben, da haben sie ihn hergebracht.“
In der festen Überzeugung, daß der Pfleger mit der zu erwartenden Größe des Tieres schamlos übertrieben hatte, nahmen Hermann und Vera den Hund mit. Er war kostenlos, aber sie spendeten eine nicht unerhebliche Summe für die bedauernswerten Kreaturen dieses Heimes.
Die Odendahls befanden sich zusammen mit ihrem neuen Familienmitglied bereits auf dem Weg zum Wagen, als Hermann noch einmal kehrtmachte und zurück lief. …
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