„Na, erkennen Sie ihn?“ fragte sie.
Hermann trat ganz nahe heran, studierte die Fotografie eingehend, hob sogar seinen rechten Zeigefinger, konnte aber Grabow nicht identifizieren. Aus verständlichen Gründen.
„Das ist er!“
Mit ihrem rotlackierten Fingernagel tippte die Sekretärin auf einen Mann in mittleren Jahren, füllig, groß, dunkelblond, der gerade irgendetwas in Empfang nahm. Es sah aus wie eine Urkunde.
„Natürlich“, spielte Hermann seine Rolle weiter, heilfroh, daß die Frau ihm diese unlösbare Aufgabe abgenommen hatte. „Der Rudolf, in voller Größe.“
Dieses Bild hätte er nur zu gerne mitgenommen. Es war nicht sehr groß, wie ein Buch, nur flacher. Wie aber sollte er es hinausschmuggeln?
„Wo wohnt er denn jetzt?“ fragte Hermann naiv, wohl wissend, daß die Frau Grabows Adresse nicht herausgeben würde, wenn sie sie überhaupt kannte. Auch Hauptkommissar Lothar Schmidt hatte diesbezüglich keinen Erfolg gehabt. Privat gab es diesen Herrn anscheinend gar nicht.
„Ach, ich weiß es doch nicht“, erhielt er zur Antwort. „Vor einigen Tagen hat schon einmal jemand nach ihm gefragt, ich glaube, der Mann war vom Finanzamt. Er schaute so streng. Ihm habe ich die Adresse auch nicht geben können.“
Fast ein wenig stolz sagte sie das, so, als ob sie ein persönliches Interesse daran hätte, den Fiskus zu täuschen. Aber der Herr war nicht vom Finanzamt – es war Lothar gewesen. Erfolglos hatte er wieder abziehen müssen. Selbst in der Personalabteilung war Grabows Anschrift unbekannt. Das war kurios. Aber Hermann wollte heute mehr erreichen, das hoffte er zumindest.
Wie in Gedanken nahm er die Fotografie von der Wand und betrachtete sie eingehend. Frau Raabe befand sich wieder im Clinch mit Brutus, beide hatten zu raufen begonnen; über zu viel Arbeit konnte sich die Sekretärin im Moment offenbar nicht beklagen. Hermann drehte das Bild - es handelte sich um eine Vergrößerung - konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken. Auf der Rückseite stand nur der Name des Photolabors, in dem es gerahmt worden war.
Das Labor! Wenn Hermann dort vorsprechen würde, könnte man ihm vielleicht weiterhelfen. Dieser Gedanke verursachte in ihm ein Hochgefühl. Er könnte zu jenem Labor gehen und einfach nach Grabow fragen. In diesem Augenblick läutete das Telefon im Vorzimmer. Widerwillig ließ die Frau ab von dem Wolfshund, ging ins Nebenzimmer und lehnte die Tür an. Das war Hermanns Chance!
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern steckte er sich das Bild mit Rahmen in den Hosenbund. …
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