Wie meist an den Wochenenden, waren hier im Dezernat fast alle Räume verwaist. Auf den Fluren fand sich keine Menschenseele, ein wenig verloren stand der rote Getränkeautomat einer koffeinhaltigen Brause am Ende des Ganges. In Lothars Büro allerdings regten sich drei Gestalten, warteten gespannt auf das Klingeln des Telefons.
Ein einziges Mal hatten sich die Kollegen gemeldet. Das war vor über einer Stunde gewesen, als sie sich mit ihrem Fahrgast kurz hinter Koblenz befanden. Jeden Moment sollten sie hier im Gebäude eintreffen.
Die schwächsten Nerven von allen besaß ohne Zweifel Hermann, aber wer konnte ihm das übelnehmen? Voller Unruhe rutschte er auf einem sich freiwillig als Sitzgelegenheit auserkorenen alten hölzernen Drehstuhl hin und her. Es war ein beinahe antikes Stück aus den Sechzigern, das schon in Lothars Zimmer stand, solange der sich erinnern konnte. Der Stuhl war tadellos in Ordnung, insofern sah Lothar nie einen Grund ihn auszumustern. Hermann hatte ihn in eine leichte Drehbewegung versetzt - einem Kind nicht unähnlich, das seine angespannte Aktivität in eine motorische, immer wiederkehrende Bewegung umleitet - und präsentierte den beiden anderen Männern einmal seine linke Wange und hernach die rechte.
Bernd stand am Fenster, schaute entspannt hinaus auf den Hof, der als Parkplatz für jene zahllosen Einsatzfahrzeuge fungierte, die an den Wochenenden nicht benötigt wurden, und beobachtete zwei Vögel auf der Dachrinne gegenüber. Ein grauer Tauber mit aufgeplustertem Gefieder tanzte auf dem schmalen Rand der Rinne wie auf einem Schwebebalken einen aufdringlichen Hochzeitstanz, der mehr von seiner Auserkorenen weg zu führen schien als zu ihr hin. Nur kurze Blicke schenkte er ihr, sofort drehte er sich wieder in die andere Richtung, verwegen gurrend, alle potentiellen Rivalen in die Schranken weisend; es zeigte sich keiner. Die Taube nahm es gelassen, drehte nur ab und zu gelangweilt den Kopf. Es fiel ihr nicht im Traum ein, sich ohne entsprechendes Vorspiel mit ihm einzulassen. Immer wilder wurde das Drängen des Machos. Ununterbrochen kullerten die nervtötenden Laute aus seinem Kropf, scheinbar ohne daß er ein einziges Mal Luft holte. Seine Kontakte zum weiblichen Gefieder wurden häufiger, er rieb bereits seinen Hals an dem ihrigen, und sein Schnabel zuckte in ihre Richtung, schon setzte er an zum Sprung auf ihren Rücken. …
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