Als der Minutenzeiger sich allmählich der Fünf-Uhr-Marke näherte, verließ Grabow die Seelöwen und steuerte die Bärenkäfige an, es war nicht weit. Schon konnte er seinen Mann stehen sehen. Am äußersten rechten Käfig war der vereinbarte Treffpunkt. Wie verabredet drehte der Mann ihm den Rücken zu - wie immer. Sein grauer Mantel paßte zur herbstlichen Landschaft. Grabow trat dicht hinter den Mann und blieb einen Moment schweigend stehen.
„Wie spät ist es?“ fragte er den Fremden.
„Es dürfte genau fünf Uhr sein!“ antwortete der mit einem slawischen Akzent, ohne auch nur den Kopf zu drehen.
Rudolf Grabow stellte seinen Aktenkoffer auf der rechten Seite des Mannes auf den Boden, unmittelbar neben einen zweiten schwarzen Koffer, der dem seinen glich wie ein Ei dem anderen. Er reichte dem Mann im grauen Mantel über die Schulter hinweg eine Zigarette, gab ihm Feuer, zündete sich selbst eine an und machte einen tiefen Zug. Schließlich bückte er sich erneut, griff den fremden leeren Koffer, ließ den Mann stehen und machte sich auf den Heimweg. Er kannte diesen Mann nur von hinten, hatte sein Gesicht nie gesehen, wußte nicht, wie er aussah. Und das war gut so.
Auch der Fremde drehte sich nicht um. Er rauchte die Zigarette zu Ende, nahm danach seine Brille mit immens dicken Gläsern ab, putzte sie ausgiebig, blieb noch einige Sekunden abgewandt stehen, hob alsdann wie selbstverständlich den neuen, von Grabow abgestellten Aktenkoffer auf und begab sich seinerseits zum Ausgang.
***
Es wurde zu viel geraucht in jenem Zimmer, dichte Schwaden zogen über einen Tisch, auf dem der geöffnete Aktenkoffer lag, nunmehr leer. Sein wertvoller Inhalt war zum großen Teil in den Taschen von dreien der vier Anwesenden verschwunden, nur ein einziger Packen Geldscheine lag noch vor Juri, dem Gastgeber und Mieter der Wohnung. Juri hatte seine Brille mit den dicken Gläsern vor sich auf den Tisch gelegt und rieb sich die geschlossenen Lider. Im Anschluß nahm er einen der beiden DIN – à 4 Bögen vom Tisch, setzte seine Augengläser wieder auf und studierte die Namen und Adressen darauf. Diesmal waren es vierzehn; 8 Personen, 6 Institutionen.
Juri war der Chef. Er erhielt von Grabow die Aufträge, er verteilte sie an seine Mitarbeiter, er war es auch, der nach getaner Arbeit die Honorare bezahlte. …
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